Geistliches Wort

Liebe Gemeinde,

Man hat sich schon fast an das Wort gewöhnt: Krise. In vielen Nachrichtensendungen ist es eines der häufigen und zentralen Wörter. Die Wirtschaft ist in der Krise, wir leben im Krisenmodus, es wird von einer Krise in der Bildung gesprochen, die Problematik von Sucht und familiärer Gewalt hat sich verschärft, einzelne Existenzen sind in der Krise, überall tagen Krisenteams um Krisenpläne zu erstellen (die dann wenige Tage später wieder überholt sind)...

Die meisten Menschen in Deutschland werden zustimmen: Wir gehen gerade durch eine schwierige Zeit – eben durch eine Krisenzeit.      Ursprünglich kommt das Wort Krise aus der griechischen Sprache (krinein) und bedeutet „scheiden, unterscheiden, entscheiden, urteilen“.

In Krisenzeiten scheidet oder entscheidet sich etwas. Wir kennen alle schwierige Zeiten oder existentielle Entscheidungen in unserem Leben: Berufswahl, Partnerwahl, Tiefpunkte im Leben, Scheitern, unsichere Phasen, finanzielle Fragen, innere Unausgeglichenheit, Krankheitszeiten, Schicksalsschläge, … Da ist immer wieder die Frage wichtig, was denn wesentlich ist, auf was es denn ankommt, was hilfreich und zukunftsfähig ist. Nun erleben wir in diesen Tagen eine gemeinsame Krisenzeit. Sowohl für jede und jeden persönlich wird deutlich, was wichtig und tragfähig ist als auch für die Gesellschaft.

In Gesprächen kommt man immer wieder darauf, was denn diese Krisenzeit in uns an Gedanken angestoßen hat und welche Dinge man nun neu sieht oder neu tut. Immer wieder erzählen Menschen, dass sie in diesen Tagen viel draußen sind und intensiver die Natur wahrnehmen. Eine oft beglückende Erfahrung.

Viele berichten auch davon, dass sie jetzt merken – was vorher selbstverständlich schien –, wie wichtig Beziehungen, Gemeinschaft und Gespräche sind. Zum Teil ist die Kommunikation weniger geworden, zum Teil sucht man neue Wege, um miteinander verbunden zu bleiben. So hat sich die Digitalisierung nicht nur an Schulen und beim Homeoffice, sondern auch im privaten Bereich weiterentwickelt; Kommunikation über das Internet ist viel normaler geworden.

Jemand sagte: Diese Zeit hat mir deutlich gemacht, was ich eigentlich brauche und was nicht – und was wirklich wichtig ist, ist viel weniger als das, was man im Rausch der Zeit zu brauchen glaubt. Eine Frau erzählte, dass sie als Familie viel mehr Zeit bei gemeinsamen Mahlzeiten aber auch sonst hätten, im Vergleich zu vorher, als jede und jeder seinen eigenen Terminen und Verpflichtungen nachging. Ganz vielfältig sind die Erfahrungen. Und es gäbe hier noch manches zu ergänzen.

Auf die Frage, ob diese eigentlich so wertvollen Erfahrungen und Erkenntnisse unser Leben verändern werden, antworten viele eher skeptisch. Oft in dieser Weise: „Wenn alles wieder normal ist, rücken diese Dinge wieder in den Hintergrund oder gehen verloren.“ Schade eigentlich. Schade, weil wir gerade den Eindruck haben, dass diese Werte wirklich „wertvoll“ und die Erkenntnisse hilfreich sind. Ist es in unseren Tagen so schwer, im Blick auf persönlich so Wesentliches „nachhaltig“ zu sein?

Der Apostel Paulus spricht in seinem Brief an die Gemeinde in Rom davon, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein soll (Römer 12,1). Damit meint er nicht, dass wir 12 Stunden am Tag in der Kirche sitzen sollen, sondern dass unser Leben auf Gott ausgerichtet sein soll. Dazu sind sicher die Gottesdienste am Sonntag eine gute „Tankstelle“ oder Kraftquelle.

Aber es geht auch darum, andere Menschen – die ja Gottes geliebte Geschöpfe sind – wertzuschätzen und ihnen in Liebe zu begegnen, mit der Natur verantwortungsvoll umzugehen, die Aufgaben und die Arbeit zur Ehre Gottes zu tun, darüber nachzudenken, was Gott mit meinem Leben machen will und kann, und nicht zuletzt auch mit der eigenen Geschöpflichkeit sorgsam umzugehen. Ich finde, dass dies eine sehr herausfordernde Perspektive ist, mit meinem Leben umzugehen. Aber ich glaube auch, dass mit dieser Perspektive, dass unser Leben ein Gottesdienst sein soll, entscheidend Gutes und Wesentliches und Nachhaltiges in unser Leben kommt.

„In jeder Krise liegt auch eine Chance“, sagte jemand – und diese Chance sollten wir zuversichtlich und hoffnungsvoll nutzen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute in diesen bewegten und herausfordernden Tagen und die Erfahrung, dass ein „gottesdienstliches Leben“ gut und nachhaltig ist.

 

Ihr Achim Schowalter